Die zweite jüdische Gemeinde

Im Jahr 1802 wurde die einst stolze Reichsstadt Rottweil württembergisch. Der neue Landesherr erlaubte – gegen erbitterten Widerstand alteingesessener Kaufleute – Juden die Niederlassung in Rottweil. Als erster erhielt Moses Kaz aus Mühringen im Dezember 1803 den landesherrlichen Schutz und das Niederlassungsrecht, bezog aber erst im Sommer 1806 mit seiner Familie nachweislich ein Haus in Rottweil. Im Verlauf von wenigen Jahren konnten sich weitere Juden aus Hechingen (1811 Abraham Bernheim), Dettensee (1813 Abraham Leopold Eßlinger) und Mönchsdeggingen (1814 Nathan Degginger) als Hausbesitzer in Rottweil etablieren. Mit der Errichtung eines „Kirchen- und Armenfonds“ legten die zu Rottweil niedergelassenen Juden 1815 den Grundstein für eine eigene Gemeinde, wurden dann aber 1832 bei der Neuorganisation des Israelitischen Kirchenwesens in Württemberg gegen ihren Willen als Filialgemeinde dem Rabbinatsbezirk Mühringen zugeteilt.

Die Familien Kaz, Rothschild, Bernheim, Eßlinger und Degginger (weitere Informationen zu diesen Familien in den Biografien) bildeten den Kern der kleinen jüdischen Gemeinde in Rottweil, die erst nach der Jahrhundertmitte merklich anwuchs und 1880 mit 134 Angehörigen ihren Höchststand erreichte. Moses Kaz und andere „Gründerväter“ erwarben traditionsreiche Rottweiler Wirtshäuser und gingen von dort ihren Geschäften nach. Vor allem waren die Rottweiler Juden im Handel und der Produktion von Textilien tätig; auffallend ist die Konzentration „jüdischer Textilgeschäfte“ in der Hochbrücktorstraße und der oberen Hauptstraße. Für den Viehhandel war Rottweil zwar schon seit dem Mittelalter ein zentraler Ort, wo jüdische Händler zumindest an Markttagen gern gesehen waren, doch zu einer Niederlassung jüdischer Viehhändler in der Stadt kam es erst nach dem Anschluss an das Eisenbahnnetz (1869). Bedeutende jüdische Unternehmer waren ferner die Inhaber der Pfauenbrauerei (Familie Bikard), der größten Brauerei in Rottweil um 1900, die Weinhandlung der Familie Schwarz sowie Zeitungsverlag und Buchdruckerei der Familie Rothschild.

Im Jahr 1924 löste sich die israelitische Gemeinde Rottweil von Mühringen und erlangte die lang erstrebte Selbständigkeit. Bereits Anfang 1925 wurde in Rottweil, einer Hochburg der Zentrumspartei, eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet, die zu den ältesten im Südwesten zählt. Als kleine extreme Gruppierung mit geringer Aktivität konnte sie jedoch erst im Krisenjahr 1930 steigende Mitgliederzahlen verzeichnen.

Bereits im ersten Jahr der NS-Herrschaft setzte die Abwanderung von Juden aus Rottweil ein: von 96 jüdischen Einwohnern zu Jahresbeginn sank deren Zahl innerhalb weniger Monate auf 79 (59 Erwachsene und 20 Kinder). Am 1. November 1938 gab es in Rottweil – einschließlich der jüdischen Patienten in der Heilanstalt Rottenmünster – noch 11 Juden (Kinder eingerechnet), von denen drei in Schutzhaft kamen. Binnen weniger Jahre hatte sich die jüdische Gemeinde infolge der starken Aus- und Abwanderung aus Rottweil selbst aufgelöst – schon vor dem Novemberpogrom.